Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten

2. Definition Nahrungsmittelallergie (NMA) und Nahrungsmittelunverträglichkeit (NMU)

Autoren: M. Raithel, A. Hagel, W. Taumann, P.Konturek, G.J. Molderings, U. Hetterich

Nahrungsmittelunverträglichkeiten (NMU) betreffen eine Vielzahl von Personen in der Bevölkerung. Sehr oft und sehr schnell werden verschiedenartige Symptome (Flush, Pruritus, Migräne etc.) und besonders gastrointestinale Symptome (Abdominalschmerzen, Blähungen, Diarrhö, Erbrechen, Krämpfe, Übelkeit) im Zusammenhang mit der Aufnahme verschiedener Nahrungsmittel auf eine Allergie bezogen. Solche Beschwerden sind aber oft unspezifischer Ausdruck vieler anderer eigenständiger Erkrankungen und müssen daher in der Differenzialdiagnose von den häufigen nicht immunologischen Unverträglichkeitsmechanismen, von den allergischen Reaktionen (Typ I–IV) bei Nahrungsmittelallergien (NMA) und den autoimmunen Mechanismen bei der Zöliakie unterschieden werden (1–3). Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über das Krankheitsspektrum bei funktionell bestimmten Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit Beispielen für wichtige Differenzialdiagnosen.

Abbildung 3

Abbildung 3: Krankheitsspektrum bei funktionell bestimmten Nahrungsmittelunverträglichkeiten – Beispiele für Differenzialdiagnosen

Nahrungsmittelunverträglichkeiten (NMU) beeinträchtigen mehr als 25–30 % der Bevölkerung der Industrieländer. Der Hauptanteil der NMU liegt mit 15–20 % bei den nicht immunologisch bedingten Nahrungsmittelintoleranzen. Diese Gruppe reicht von den pseudoallergischen Reaktionen (Histamin, Salicylate), den Enzymopathien, idiopathischen Intoleranzreaktionen bis hin zu Infektionen, Mastzellerkrankungen, neuroendokrinen Tumoren und psychosomatischen Reaktionen, die mit Unverträglichkeitsreaktionen assoziiert werden. Die Prävalenz der Nahrungsmittelallergie (NMA), der immunologisch bedingten Unverträglichkeitsreaktion, ist seltener und beträgt bei Erwachsenen nur ca. 2–5 %, bei Kindern 5–10 %.

Die NMA ist eine antigenspezifische, nicht toxisch bedingte, immunologisch vermittelte Hypersensitivitätsreaktion auf NM, Gewürze, Schimmelpilze oder andere Beimengungen zum Essen (2–5). Diese gastrointestinal vermittelten Allergien werden anhand des jeweiligen Immuntyps in die Typen I bis IV nach Coombs & Gell eingeteilt (siehe Abbildungen 1a bis 1b) (1, 3, 5, 38, 39).

Bei der Typ I Allergie (Sofortreaktion) binden die (löslichen) Antigene, z.B. Nahrungsmittel oder Pollen, an den spezifischen IgE-Rezeptoren der Mastzellmembran, wobei jeweils 2 Rezeptoren gemeinsam überbrückt werden. Dies geschieht auf den Mastzellen und Basophilen im Blut und Gewebe (Bildungsort für IgE sind die B-Lymphozyten, nicht die Mastzellen). Die Mastzelle setzt nach Aktivierung ca. 200 verschiedene Botenstoffe in Granula, die z.B. Histamin, Zytokine, Leukotriene, Prostaglandine, Interleukine etc. enthalten, frei. Die Freisetzung der Botenstoffe führt dann beispielsweise zu allergischen Hauterscheinungen, Asthma, Rhinitis, gastrointestinalen Beschwerden, kardiovaskulären Beschwerden oder auch Gelenkschmerzen.

Abbildung 4

Abbildung 4a: Typ I Allergie, IgE

Die Typ II Allergie (zytotoxische Reaktion) ist eine sehr seltene zytotoxische Reaktion, bei der Zellen getötet werden. Die Komplementaktivierung entsteht als Reaktion durch die Bindung eines Antigens, z.B. ein Medikament, an der Oberfläche einer Zelle (Knochenmarks oder andere Zelle) und der darauffolgenden Bindung der im Gewebe oder Blut enthaltenen IgG-Antikörper an dem zellgebundenem Antigen. Diese teilweise sehr schweren allergischen Reaktionen und werden bei Blutzellen als Medikamentenhämolyse bezeichnet.

Abbildung 5

Abbildung 4b: Typ II Allergie, Komplement

Bei der seltenen Typ III Allergie (Immunkomplexreaktion) bilden beispielsweise aufgenommene Seren (verschiedene Eiweiße), Bakterien oder Bakterienbestandteile, Schimmelpilze das lösliche Antigen und binden sich mit freien IgG-Antikörpern zu einem Immunkomplex.

Abbildung 6

Abbildung 4c: Typ III Allergie, Immunkomplexe

Ein klassisches Beispiel für eine Typ IV Allergie (Spätreaktion) ist das Ekzem. Der Kontakt mit dem Antigen (Kontaktallergen), z.B. Kuhmilch, Fleisch, Weizen oder Nickel in Nahrungsmittel, löst eine zelluläre Reaktion an T-Zellen, Monozyten oder Lymphozyten aus und führt über eine Bildung von Histamin-freisetzenden Zytokinen durch die Aktivierung der Mastzellen und Basophilen zu Entzündungen beispielsweise an der Haut (Juckreiz, Schuppungen, Ausschlag) oder an den Darmepithelen (Koliken, Diarrhoe). Die zelluläre Reaktion verläuft verzögert i.d.R. zwischen ein bis drei Tagen nach Antigenkontakt ab, wodurch die Identifikation des Antigens erheblich erschwert wird und oft nur durch detaillierte Serumdiagnostik der Zytokine, Chemokine und Mediatoren erfolgen kann.

Abbildung 7

Abbildung 4d: Typ IV Allergie, zellulär – Zytokine

Im Gegensatz zu diesen durch spezifische Immunphänomene gekennzeichneten Allergiemechanismen findet sich ein breites Spektrum an NMU, die alle ohne eine spezifische Beteiligung des Immunsystems entstehen (Intoleranzen) und oft fälschlicherweise als Allergie fehlgedeutet werden. Zu diesen nicht-immunologisch vermittelten NMU und Differentialdiagnosen gehören z.B. der Laktasemangel, toxische Reaktionen, Störungen des Transportsystems (Kohlenhydratmalabsorption), pseudoallergische Intoleranzen auf bestimmte Nahrungsmittel oder Pharmaka (z.B. Salicylate, biogene Amine, Histamin, Sulfite, Putrescin etc.) oder viele andere Reaktionen (Infektionen) oder Erkrankungen (Psyche, Pankreatitis etc.) (1, 3, 38). Da diese nicht-immunologischen Unverträglichkeits-mechanismen häufiger sind als NMA gilt es diagnostisch zunächst diese mit der üblichen Differentialdiagnostik abzuklären.

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